Innovationen

Seit Bestehen der MHH war die Unfallchirurgie Schrittmacher in der Entwicklung neuer Behandlungskonzepte.

Schwerverletztenversorgung: So basiert das heute weltweit anerkannte und umgesetzte Behandlungskonzept des 'Damage Control Orthopedics' (DCO) ganz wesentlich auf Schlüsselstudien aus Hannover. Dabei wird berücksichtigt, dass der schwerverletzte Patient durch lange und schwere Operationen einen sogenannten 'second hit', also einen zweiten zusätzlichen Schaden erleidet. Das neu entwickelte Konzept beinhaltet, dass am Unfalltag ab einer gewissen Verletzungsschwere nur die allernotwendigste Stabilisierung stattfindet, und dass die definitive Stabilisierung erst einige Tage später nach der Erholung des Patienten stattfindet.

Minimal invasive Osteosynthese: In den 1990er Jahre wurde die Knochenstabilisierung über lange Schnitte und große Weichteilablösungen durchgeführt. Nach den Forschungsarbeiten von Prof. Krettek, die dieser damals als junger Oberarzt mit seinem Team in den Labors durchgeführt hat, kam es zu einem Umdenken. MIPPO/MIPO, die Kurzform für minimalinvasive Plattenosteosynthese ist heute in allen Ländern der Erde ein Standardverfahren zur Stabilisierung von langen Röhrenknochen.

Navigierte Marknagelung von Knochenbrüchen: Bei der Stabilisierung von langen Röhrenknochen der unteren Extremität kam es häufig zu langen Operationszeiten und zu ausgedehnter Strahlenexposition von Patient und Behandlungsteam. Zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Bern um Prof. Nolte und der Firma Medivision wurde ein Verfahren für Computernavigation für Knochenstabilisierung entwickelt. Die erste navigierte Oberschenkelmarknagelung weltweit wurde in den 1990er Jahren in Hannover durchgeführt. Seither ist die computernavigierte Stabilisierung weiter verbessert worden und im Begriff ein etabliertes Behandlungsverfahren zu werden.

Unfallforschung: An der MHH besteht die weltweit größte Datenbank mit kombinierten unfalltechnischen und medizinischen Daten. Zahlreiche heute selbstverständliche und noch in der Entwicklung befindliche Sicherheitskonzepte (Helm, Sicherheitsgurt, Airbag) basieren auf Daten der MHH Unfallforschung.

Gelenktransplantationen: Gelenktransplantation kann eine sinnvolle Option sein um künstlichen Gelenkersatz aus Plastik und Metall hinauszuzögern oder gar ganz zu vermeiden. Bei einer Gelenktransplantation wird der geschädigte Knorpel-Knochenabschnitt mit einem sogenannten Allograft (Allo: fremd; graft: Gewebe) ersetzt (bioGelenk). Wir haben spezielle Techniken und Verfahren entwickelt, die es erlauben die Transplantate extrem dünn zu machen, womit das Transplantat sehr viel schneller und vollständiger einwachsen kann, zudem kann sehr viel mehr patienteneigener Knochen erhalten werden. Gelenktransplantationen werden lediglich an wenigen Zentren in den USA und Italien angeboten. In Deutschland ist die MHH Unfallchirurgie die einzige Klinik, in der diese Therapie angeboten wird.

Knochendefektfüllung mit Magnetismus: Knochendefekte entstehen häufig nach schweren Unfällen, aber auch durch Tumore oder Infektionen und führen häufig zu langem Krankenhausaufenthalt und einer Invalidität.
Die bisher verwendeten Implantate hatten jedoch die Schwäche, dass bislang eine Knochenverpflanzung oder ein sogenannter Fixateur externe notwendig war, der von außen durch Haut, Muskeln und Sehnenplatten in den Knochen eingebohrt werden musste. Die Folge waren starke Schmerzen über viele Monate, sowie mögliche Infektionen und Einsteifung der benachbarten Gelenke. Eine MHH Erfindung ermöglicht nun weltweit erstmals eine komplett innere Knochendefektregeneration über ein motorisiertes Implantatmodul. Hierzu wurde ein 
Knochenverlängerungsnagel mit Magnetantrieb als Grundlage genommen, der seit Jahren als kommerzielles Produkt zur Verfügung steht, bisher jedoch nicht dazu eingesetzt wurde, Knochenlücken zu füllen.
MHH Unfallchirurg Professor Krettek hat mit seinem Team ein weltweit einmaliges Knochenimplantatmodul entwickelt, das es erlaubt auch sehr große Knochendefekte komplett aus dem eigenen Knochen heraus nachwachsen zu lassen (inneres Tissue Engineering).
Bei der neuen Erfindung treibt der kommerziell erhältliche Knochenverlängerungsnagel mit Magnetantrieb von außen das neu entwickelte Transportmodul an, das seinerseits dafür sorgt, dass der Knochendefekt kontinuierlich (ca. 1mm pro Tag) verkleinert wird.
Das Konzept wurde in einer ersten Publikation im renommierten US-amerikanischen Journal of Orthopaedic Trauma publiziert und erregte in Fachkreisen weltweit Aufsehen. '...That's what we were desperately looking for many decades...' kommentiert John Herzenberg, bekannter Unfallchirurg aus den USA. Mittlerweile ist das System erfolgreich als Europäisches Patent angemeldet.